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Just Change


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Produzenten und Konsumenten verbünden sich

Große transnationale Konzerne beherrschen heute den globalen Handel mit Tee und vielen anderen Produkten (Kaffee, Kakao, Baumwolle, ...). Sie zwingen einerseits die Produzenten in den Ländern des Südens, ihre Erzeugnisse zu kleinstmöglichen Preisen zu ver­kaufen, andererseits die Verbraucher dieselben zu den höchst­möglichen Preisen einzu­kaufen. So erzielen sie gewaltige Gewinne.

 Sind wir und nicht zuletzt die Adivasi dem Diktat des Weltmarktes jedoch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und müssen wir tatenlos zusehen, wie das Gedeih(en) von wenigen auf dem Verderb(en) der anderen basiert? Oder gibt es Alternativen? Ein hoffnungsverheißender Lösungsansatz für dieses Problem sieht folgender­­maßen aus: Erzeuger und Verbraucher knüpfen persön­liche Kontakte zueinander und bauen eine (Handels-)Beziehung auf, bei der die Zwischenhändler einschließ­lich der großen Im- und Exporteure umgangen werden. Die Preise werden hierbei statt von der „unsichtbare Hand“ des Marktes durch diese Beziehung gestaltet. Man gründet also eine Art übergreifender Genossenschaft, bei der sowohl Produzenten als auch Konsumenten Teilhaber sind, sozusagen eine Konsum-Produktions-Genossenschaft, die die beiden klassischen Genossenschaftstypen unter einem Dach vereinigt. Gemeinsam ent­scheidet man dann von Fall zu Fall, wem der Erlös zugute kommen soll. Das alles ist heute im Zeitalter der kommunikationstechnischen Vernetzung auch über große Entfernungen hinweg möglich. Die Globalisierung bekäme so ein menschliches Antlitz.

 Ein solches alternatives Wirtschafts- bzw. Handelsmodell, das den „freien“ Weltmarkt zu umgehen versucht, hat Stan Thekaekara, der Mitbegründer von ACCORD (der o.g. Adivasi-Selbsthilfeorganisation), seit Ende der 90-er Jahre nach seinen in mehr als zwei Jahrzehnten gesammelten Erfahrungen aus der Arbeit mit indischen Ureinwohnern entwickelt. Als prägend für seine Idee erwies sich die indigene Praxis, unmittelbaren zwischenmenschlichen und -kreatürlichen Beziehungen in allen Fragen des Lebens (d.h. auch bei wirtschaftlichen Belangen) Priorität einzu­räumen. Aus diesem Grund nannte er sein Konzept auch zuerst „direct links“, bevor er sich für die Bezeichnung „Just Change“ entschied, die einerseits auf den gleichberechtigten (Aus-)Tausch, andererseits auf sein Veränderungspotential abhebt.

Um mit der Umsetzung der Vision von Just Change zu beginnen, haben die Adivasi u.a. Kontakte zu im indischen Bundesstaat Gujarat lebenden Bhangis – Latrinen­reinigern, die in der traditionellen Hindu-Gesellschaft als „Unberührbare“ gelten – geknüpft. Sie beliefern diese Gemeinschaft mit ihrem Tee zu Preisen, die 20% unter dem Preis, den die örtlichen Händler aufwenden, liegen. Dadurch werden ihre Partner aus Westindien nicht nur unabhängig von den überteuerten Ladenpreisen, sondern werden ihrerseits zu begehrten Weiterverkäufern an die Teehändler der Region. Die Adivasi haben darüber hinaus beschlossen, den Bhangis den gesamten Überschuss aus dieser Handelsbeziehung zu überlassen, da sie die Lage der Latrinenarbeiter als weitaus bedrückender als ihre eigene empfinden.

Von anderen Ureinwohner- bzw. Dalit-Gemeinschaften aus Kerala bzw. Orissa erhalten die Adivasi in Gudalur für ihre Teelieferungen im Gegenzug z.B. Kokosnussöl bzw. Reis. Mittlerweile ist ein kleines marktunabhängiges Netzwerk entstanden, das über Just Change-Läden die Menschen der betreffenden Regionen mit Gütern des täglichen Bedarfs versorgt. Dadurch wird nicht nur der Geldbeutel des Einzelnen geschont, sondern werden auch die regionalen Wirtschaftskreisläufe gestärkt, da mehr Ressourcen vor Ort verbleiben und für die lokale Weiterentwicklung verwendet werden können. Der Hauptgewinn jedoch liegt nicht auf der materiellen Ebene: Durch die Verbindung mit anderen benachteiligten Gemein­schaften (und den damit einhergehenden Austausch) wachsen Phantasie und Solidarität, was dazu beiträgt die eigene Marginalisierung aufzubrechen.

Dass diese Wirkung nicht nurauf den nationalen Rahmen beschränkt ist, sondern vielmehr weltweit gilt, zeigen die seit einiger Zeit bestehenden europäischen Ableger von Just Change: Mit einer Arbeitsloseninitiative in England haben die Adivasi ebenfalls derartige Handels­beziehungen geknüpft. Auch dort erhalten die Partner den freundschaftlich „verbilligten“ Tee. Auch dort dient er nicht nur dem Eigenkonsum durch die sozial Benachteiligten, sondern stellt darüber hinaus für diese die Grundlage für eine neue Erwerbs­tätigkeit dar: Sie füllen den indischen Tee in die landes­üblichen Teebeutel, verpacken diese und bereiten den Tee so für eine Ver­marktung über ihre Kooperative vor. So profitieren sowohl die Produzenten in Indien als auch die Abnehmer in Europa von dieser Form des Handels.

Schließlich hat sich auch die Eine-Welt-AG des Hölderlin-Gymnasiums in Lauffen a.N. durch ihre über das Adivasi-Tee-Projekt (ATP) bestehenden Kontakte zu den Adivasi inspirieren lassen, diese Idee nach Deutschland zu tragen. Das ATP ist ein Projekt, das 1994 im Rahmen der Bundes-ESG (Evangelischen Studierenden­gemeinde) entstand und heute neben Studierenden auch von ehemaligen Studierenden (Pfarrer, Arzte, Lehrer...) und von Schülern getragen wird, die von einer Hauptamtlichen koordiniert werden. Die Eine-Welt-AG wurde von mir 2001 als schulische Arbeitsgemeinschaft gegründet und in ihr arbeiten etwa 15 Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13 mit. Wir haben im Schuljahr 2003/04 unter dem Namen direct links eine Produktpalette entwickelt, mit deren Erlös wir die Bemühungen der Adivasi um eine eigen­ständige Entwicklung unterstützen wollen. Alle direct links-Produkte entstammen unseren direkten Beziehungen mit den Adivasi der Region Gudalur in Südindien. Durch unsere Reisen nach Indien (2002/03 und 2006/07) und durch die regelmäßigen Besuche unserer Partner in Deutschland (seit 1997 alle zwei Jahre, jeweils anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentags) konnten die AG-Mitglieder unmittelbare Kontakte zu unseren Projektpartnern aufbauen und sich von deren Erfolgen im Kampf um würdige Lebens­bedingungen überzeugen. Die Produkte der Adivasi (neben Tee auch Gewürze und Naturseife) werden nicht nur über den AG-eigenen Schulweltladen und den örtlichen Eine-Welt-Laden vertrieben, sondern können auch über den Online-Shop der AG bestellt werden.

Mit dem Aufbau eines stetig wachsenden Just Change-Netzwerkes ist es den Adivasi zunehmend gelungen vom Markt unabhängiger zu werden, so dass sie weniger anfällig gegen die Preisschwankungen auf den internationalen Warenbörsen geworden sind.

Webseiten zum Thema bzw. zu den im Artikel genannten Gruppen:

      ·         ACCORD/AMS: www.adivasi.net

·         Adivasi-Tee-Projekt: www.adivasi-tee-projekt.org

·         Just Change India: www.justchangeindia.com

·         Just Change UK (Großbritannien): www.justchangeuk.org

·         Just Change DE (Deutschland): www.justchangede.org

·         Just Change FRANCE (Frankreich): www.justchangefrance.org

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